First Man – Kühl zu neuen Ufern

Nach Damien Chazelles letzten Erfolgsfilmen, dem intensiven Whiplash und dem beschwingt-melancholischen La La Land wartete man sehnsüchtig auf das neueste Werk des 33-jährigen neuen Sterns am Regiehimmel – die Verfilmung einer der größten Errungenschaften der Wissenschaft – der Reise zum Mond. Nun erscheint Chazelles Version unter dem Titel Aufbruch zum Mond (OT: First Man) in den heimischen Kinos.

Nach Chazelles vorigen Werken zu urteilen, erwartet man einen intensiven, emotionsgeladenen Film. Dieser Erwartung setzt Chazelle allerdings etwas entgegen – sein Film ist äußerst ernst und trocken geraten. Gerade das Drehbuch bietet nicht viele emotionale Anhaltspunkte, obwohl die im Zentrum stehende persönliche Krise des Neil Armstrong einen Großteil der Handlung ausmacht. Mit dem Tod von Armstrongs Tochter und seiner folgenden Trauerarbeit versucht der Film, in das technokratische Umfeld einen Funken Menschlichkeit hineinzubringen, dies geht allerdings nicht vollkommen auf. Man fühlt ständig eine extreme Distanz zu den Figuren und zur Handlung, was das Eintauchen in den Film relativ schwer macht, doch auf visueller Ebene durchaus seine Vorzüge hat. Das Gefühl, als reiner Observator des Geschehens im Film zu sitzen, wird auch durch die dunklen und kühlen Farben ausgedrückt.

Dieses Gefühl des aus-der-Ferne-Beobachtens durchzieht den ganzen Film, was man nicht unbedingt als Schwäche des Filmes auffassen darf. Schließlich ist es ein Film über ein wissenschaftliches Ereignis, was wäre da eigentlich passender als eine analytische, unbefangene Herangehensweise, losgelöst von den Emotionen und Problemen, mit denen wir auf der Erde zu kämpfen haben? Von dieser Seite betrachtet ist First Man ein Beispiel eines technokratischen Films, in dem die Technologie die menschlichen Einschränkungen überwinden kann. Was fehlt, ist allerdings die Präsenz des Ost-West Konflikts, der ein maßgeblicher Bestandteil der gesamten Raumfahrt war, hier aber nur kurz erwähnt und angeschnitten wird.

Die Kamera ist meist weit weg von den Figuren, besonders in den Szenen auf der Erde, doch leider wird in dem Film an teils unpassenden Stellen extreme Wackelkamera verwendet, z.b. in Szenen, in denen Armstrongs Frau lediglich die Straße überquert, wird gewackelt bis der Arzt kommt, ohne erkennbaren Grund. Aber dies kann auch nicht davon ablenken, dass das Licht in First Man wohl unter die visuellen Meisterleistungen des Kinojahres fällt. Wie alleine Szenen im dunklen Garten der Armstrongs ausgeleuchtet sind oder Neills Arbeitszimmer ist einprägsam und authentisch. Auch die Musik von Justin Hurwitz (die diesmal vollkommen auf Jazz verzichtet!) ist vom Geist der Sechziger Jahre beflügelt und dürfte jedem Freund dieser Zeit ein Lächeln auf das Gesicht zaubern, spätestens wenn das Thereminvox im Score zum Einsatz kommt.

Ryan Gosling in der Hauptrolle ist wie erwartet ausgezeichnet – mit unterdrückter Emotion und subtiler Gesichtsmimik bringt er die Rolle des ersten Menschen auf dem Mond eindrucksvoll auf die Leinwand. Claire Foy ist ebenfalls sehr gut, der Rest des Casts gibt gute, aber nicht herausstechende Leistungen ab, dies könnte aber wieder in die Theorie eines technokratischen Films passen, die oben aufgestellt wurde.

First Man ist ein sehenswerter Film, bei dem man allerdings seine Erwartungen vor Kinobesuch ein wenig umstellen sollte. Hier handelt es sich nicht um einen üblichen Hollywood-Blockbuster über ein historisches  Ereignis, sondern um ein eigenes Konzept, um solche Themen auf die Leinwand zu bringen. Wenn man Chazelles vorige Arbeiten außer Acht läßt, wird man First Man bald schätzen lernen, die Erwartungen einer emotionale Reise müssen hier der Realität der wissenschaftlichen Reise weichen.

First Man (Aufbruch zum Mond)

Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Josh Singer
Cast: Ryan Gosling, Claire Foy, Shea Whigam, Kyle Chandler
Länge: 138 Minuten // FSK: 12 // Kinostart: 8.11.2018

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