Ein intimes Monument: Roma

Alfonso Cuarón ist ein besonderer Künstler, der mit Roma einmal mehr unter Beweis stellt, dass man ihn manchmal unterschätzt. Das Talent, das er Autor und Regisseur mitbringt, zeigt sich auch in seiner Kameraarbeit. Roma ist mitreisend, herzzerreißend und strotzt nur so vor Leidenschaft und Herzblut. Einer der besten Filme der Viennale 2018.


Auf den ersten Blick wirkt Roma, als würden es unerträglich langweilige 135 Minuten werden. Der schwarz-weiß Film zeichnet ein fast theatralisches Bild von Mexiko-Stadt in den 1970er Jahren. Der Blick ist auf eine reiche Familie gerichtet, genauer auf die Frauen dieser Familie. Während die indogene Angestellte Cleo die Protagonistin und das Herz des Films ist, ist die bürgerliche Hausherrin Sofia kein Counterpart, sondern Freundin, Stütze und zu Unterstützende. Während die Geschichte sehr langsam mit dem Alltag der beiden Frauen beginnt, entwickelt sie sich für beide zu einer Katastrophe, aus der sie sich gegenseitig zu retten versuchen, während in Mexiko parallel eine blutige Revolution ausgefochten wird.

Man weiß hier gar nicht, wo man anfangen soll mit Lob. Die Bilder, die Cuarón in Großformat einfängt sind nahezu perfekt gefilmt und bekommen durch das warme Schwarz-Weiß eine unglaubliche Tiefe, wirken teils wie aus einer anderen Zeit und schwenken mitunter in eine gewollte Künstlichkeit ab. Jede Einstellung ist perfekt durchdacht und ausgerichtet und wirkt gleichzeitig zufällig und schnelllebig. Selbst das einsammeln von Hundekot in der Einfahrt bekommt durch das Zusammenspiel von Schnitt, Ton und Bild eine fast artistische Dynamik.

Tiefgründige Schwarz-Weiß Bilder

Mühelos reizt Cuarón das volle Spektrum aus, springt von fast traumhaften Szenarien zu bitterem Ernst. So beschaut die fast lächerlich „verkleidete“ reiche, weiße Oberschicht in pompösen Kostümen, wie die indogenen Arbeiter mit Wassereimern um sie rennen und ein Sumpffeuer löschen – es wirkt wie ein Renaissance-Gemälde. Wenige Augenblicke später hingegen begleiten wir Cleo auf ihrem Weg durch die Stadt, ganz nah am Geschehen und gleichzeitig das hektische Treiben einfangend. Das wirkt wiederum so authentisch wie eine Dokumentation, geht dann aber in eine Trainingssequenz wie von Riefenstahl über. Wieder kurze Zeit später ist man intim nah dran an Cleo, leidet mit ihr und fühlt kaum mehr Distanz zu ihrer Figur. Cuarón schafft einen völlig nahtlosen Übergang von Künstlichkeit zu Authentizität, vom Großen zum Kleinen, unterstützt durch teils extrem lange Einstellungen und genialen Plansequenzen.

Yalitza Aparicio liefert eine unglaubliche Performance als Cleo ab. Zurückhaltend, fast stoisch, bisweilen kindlich naiv aber immer voller ehrlicher Liebe für die Menschen in ihrer Umwelt, wächst sie in ihrer Rolle zu einer willensstarken Frau heran, der das Schicksal übel mitspielt. Sie ist das Herzstück des Films und dieser Fokus riskiert auch, das Roma mit Aparicios Leistung steht und fällt. Wie bei allen anderen Entscheidungen bewies Cuarón auch hier ein sicheres Händchen.

Alfonso Cuarón bester Film

Obwohl Roma über lange Strecken besonders langsam erzählt wird, kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf. Das Teilnehmen am Leben der beiden Frauen Cleo und Sofia ist so einnehmend und spannend, dass sich der Film zu keiner Zeit schwer oder gezwungen anstrengend anfühlt. Mit dem Stichtag des Corpus Christi Massakers in Mexiko Stadt ändert sich auch für die Protagonistinnen alles. Das Erzähltempo nimmt plötzlich zu, viele Dinge passieren gleichzeitig, auch wenn es nie wirklich rasant wird. Zentrum des Films ist eine Plansequenz, die Cleo und Sofias Mutter in einem Möbelgeschäft zeigen, während draußen die Revolution beginnt. Revolutionäre betreten das Geschäft und involvieren so ungewollt die beiden Frauen emotional und physisch. Es wird fast hektisch, ohne das ZuschauerInnen den Überblick verlieren und steuern auf ein tragisches Ziel, das trotz seiner Vorhersehbarkeit schmerzhaft zu sehen ist. Danach verlangsamt sich der Film wieder, erzeugt aber bis zum Schluss eine unangenehme Anspannung und ein Gefühl der Unsicherheit.

Alfonso Cuarón liefert nach einer ganzen Reihe sehr guter Filme mit Roma seine bisher beste Arbeit ab, ein Gesamtkunstwerk für das er in seine Heimat Mexiko zurückgekehrt ist. Dass er sowohl Autor, Regisseur, Cutter als auch Kameramann ist, spielt der Intimität des Films ebenso in die Karten, wie die Tatsache, dass das Gezeigte nicht ausschließlich Cuaróns Hirn entsprang, sondern mit Erinnerungen an seine Kindheit gefüllt ist. Obwohl Roma eine Netflix-Produktion ist, lohnt es schon wegen des besonderen Großformats schon, trotzdem ins Kino zu gehen (die Vorstellungen sind leider sehr rar), da die Bilder noch mal an Intensität gewinnen. Zudem läuft man gelegentlich beim Netflix-Streamen Gefahr, dass die Aufmerksamkeit gerne mal abdriftet, was der zweiten Hälfte des Films nicht gerecht wird. Wer es nicht ins Kino schafft, sollte dennoch einschalten, sich jedoch auf eine intensive Erfahrung einstellen, die nicht für jeden gut verträglich sein wird.

Roma
Verleih: Netflix
R: Alfonso Cuarón
D: Alfonso Cuarón
K: Alfonso Cuarón
C: Yalitza Aparicio, Marina de Tavira
Laufzeit: 135 Min // FSK 12 // Netflix-Release: 14.12.2018

Mehr von Franzi Bechtold

Jungle Book: Trust in me, it’s okay!

Disney startet einen weiteren Veruch, Live-Action Adaptionen aus Zeichentrick-Klassikern zu machen. Da...
Weiterlesen...