Kammerspiel in Blut und Schnee – The Hateful Eight

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Lang und heiß ersehnt war Quentin Tarantinos achter Film, der durch einen kleinen Skandal vor zwei Jahren fast nicht zustande gekommen wäre. Als Tarantinos Drehbuch geleakt wurde, geriet der Regisseur so in Rage, dass der Film kurzzeitig abgesagt wurde und Tarantino sich erst wieder von einer Verfilmung seines Drehbuches überzeugte, als dieses gemeinsam mit dem Ensemble des Films in LA eine Lesung erfuhr.

Nun, da sein neuer Film endlich die Kinoleinwände ziert, kann man sich glücklich schätzen, dass das Projekt nicht abgesagt wurde. Neben dem für Tarantino typischen Drehbuch und dem starken Schauspielerensemble weist The Hateful Eight noch zwei weitere Gründe auf, angesehen zu werden:
Ennio Morricone steuerte neue Filmmusik bei und das brutale Kammerspiel wurde in dem totgesagten 70mm Format gedreht, mit dem auch reichlich für den Film geworben wurde.
Zahlt sich das Wiederbeleben dieses Formates allerdings aus, gerade für einen Film, der hauptsächlich in einem (relativ großen) Raum spielt und wenig Landschaftsaufnahmen aufweisen kann?

In Tarantinos Fall kann mit einem Ja geantwortet werden. Wäre das 70mm Format unbedingt notwendig gewesen, um diese Geschichte zu erzählen? Eigentlich nicht. Dabei stellt sich aber eine weitere Frage, nämlich die, ob es ratsam ist, immer nur nach den gängigen Notwendigkeiten eines Film zu fragen oder etwas Neues und Ungewöhnliches zu tun. Dass Tarantino sich für 70mm entschieden hat, macht insofern Sinn, indem man so nahe bei den Figuren ist wie man es sonst nur im Theater kennt. Und wo kommt man den Mensch näher als in einem Kammerspiel? Die Inszenierung ist intensiv, spannend und mit pointierten Dialogen und exzentrischen Charakteren gespickt. Vor allem in Sachen Erzählfluss bemerkt man in The Hateful Eight, dass sich Quentin Tarantino seit seinen Anfängen weiter entwickelt hat. Lediglich die Richtung, die die Geschichte einschlägt, enttäuscht am Ende ein wenig. Man hat das Gefühl, dass der Aufbau ins Leere läuft.

Die Schauspieler sind (wie sollte es auch anders sein) großartig gewählt und spielen kongenial miteinander. Samuel L. Jackson, Bruce Dern, Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh sind einwandfrei, genau so wie der Justified Star Walton Goggins, dem man einfach unglaublich gerne zusieht, wie er ein dummes Arschloch ist, das trotzdem einige Sympathien abbekommt. Seine Figur ist wahrscheinlich noch die „Netteste“ im ganzen Film, denn die restlichen Figuren sind dem Titel des Films mehr als würdig.

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Ein Aspekt, auf den alle gespannt waren, war selbstverständlich die Filmmusik von Ennio Morricone. Wer hier aber einen Westernscore a lá Il Buono, il Brutto, Il Cattivo, Il Mio Nome e Nessuno oder C’era una volta il west erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht oder zumindest überrascht werden. Denn Morricones Musik ist im Stil seiner Horrorscores der Achtziger Jahre gehalten, man denke z.b. an John Carpenters The Thing, von dessen Score Tarantino sogar zwei Musikstücke verwendet (interessant, wenn man bedenkt, dass auch dort Kurt Russell im Schnee bösartige Mächte bekämpft). Morricones Musik ist unheimlich, geht unter die Haut und wird hie und da noch von einigen von Tarantino ausgewählten Stücken durchbrochen, u.a. David Alexander Hess‘ Now You’re All Alone, dessen Verwendung im Film eine 1:1 Hommage an The Last House on the Left darstellt.

Visuell ist The Hateful Eight wahrscheinlich Quentin Tarantinos stärkster Film bis dato. Die Kamera von Robert Richardson zeigt im großen Detail den ganzen Dreck und die Gewalt der Welt dieses Films. Immer nahe bei den Figuren bleibend, bekommt man den Lagerkoller, der sich in Minnie’s Haberdashery abzeichnet, auch als Zuschauer richtiggehend zu spüren. Ebenso die Szenen im Schnee sind bestechend schön, wobei die Titelsequenz eine schöne Kamerafahrt ist, die man nicht vergessen sollte und den bedrohlichen Ton des Filmes schon in den ersten Minuten anstimmt.

The Hateful Eight ist definitiv sehenswert, ein großartig gespieltes Kammerspiel, das mit einer tollen Kamera, wundervoller Musik und dem typischen Tarantino Gefühl besticht und darüber hinaus in 70mm noch mehr Intensität bekommt.

The Hateful Eight

R: Quentin Tarantino
D: Quentin Tarantino
C: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Demián Bichir, Tim Roth, Michael Madsen und Bruce Dern
M: Ennio Morricone
Laufzeit: 187 Minuten; FSK: 16; Kinostart: 28.1.2016

 

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