Spectre: Bond is done, long live Bond

Wir haben uns Spectre angesehen und unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen. Die Erwartungen waren nicht sehr hoch und diese wurden dann auch getroffen.

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Wir haben uns Spectre angesehen und unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen. Die Erwartungen waren nicht sehr hoch und diese Erwartungen wurden dann auch getroffen – ein Gemeinschaftsreview von Mathias Nobis und Franziska Bechtold.

Für Spectre hatten wir wenige bis keine Erwartungen, denn wenn wir mal ehrlich sind, haben die Bond-Filme ein Problem: Sie existieren schon so lange, dass man selten noch überrascht wird. Inhaltlich schaffte Skyfall diese Überaschung. Spectre nicht. Man muss dem neuen Bond vor allem zugute zu halten, dass er sich kritisch gegenüber absoluter Überwachung stellt und die Informationsbeschaffung zur Aufgabe und Berufung des Bösewichtes macht. Ansonsten ist leider nicht viel los.

Aber beginnen wir doch mit dem Positiven, wie bei einem Personalgespräch: Immer erst loben und dann erst das Messer in den Rücken rammen. Die Action-Sequenzen in Spectre sind Zucker, wir haben selten solche unterhaltsamen, perfekt choreografierten und spannenden Action-Szenen gesehen! Die erste Stunde ist extrem gut. Obwohl man schon Verfolgungsjagden im Schnee und Prügeleien im Helikopter gesehen hat, erfindet Spectre sie neu und das ist ein Augenschmaus. Einzig Dave Bautistas Auftritt als Hinx ist ein bisschen zu konstruiert als Verweiß auf den Beißer und langweilt zunehmend.

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Die Einstellungen sind mit ihren epischen Bildkompositionen wunderschön. Die Schauplätze Rom, der Altaussee oder Mexiko City werden von ihrer allerschönsten Seite gezeigt. Die Kostüme sind gewohnt pompös und edel – wir schauen uns eben gerne schöne Menschen mit schöner Kleidung an und warum denn auch nicht? Die schönen Menschen können alle schauspielern, manche besser, manche nur so mittel, Daniel Craig ist Bond, Bond ist Daniel Craig und sein MI-6 Team ist großartig sympathisch.

Überraschenderweise war Spectre sehr lustig. So lustig, dass wir mehrfach laut lachen mussten. Er entfaltet eine Situationskomik, die wir selten, wenn sogar noch nie, in einem Bond gesehen haben. Es wird mit Klischees gespielt, der Film nimmt sich selbst nicht ganz so ernst und bricht immer wieder den starren Gentleman-Habitus. Müssten wir den Finger darauf legen, würden wir sagen, dass mehr als die Hälfte dieses frischen Zugangs allein von Ben Wishaws fantastischer Performance als Q ausgeht. In Kombination mit M und Bond bildet er einen sehr komplementären und liebenswerten Gegenpart, der sich seine viele Screentime verdient hat.

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Das war’s dann auch schon, fangen wir an zu meckern. Bond versucht zurück zu Flemmings Basis zu gehen, will Zusammenhänge herstellen, versucht ernst zu werden und Themen in die reale Welt zu transportieren. Er spielt mit unserem Vorwissen um Ernst Stavro Blofeld (das ist der mit der Katze) und nimmt sich dabei viel zu ernst. Dem Publikum wird eine völlig irrelevante Backstory zwischen Bond und Franz Oberhauser aufgetischt, die allerhöchstens irritiert, als dass sie einen großen Effekt auf den Inhalt des Filmes hätte.

Überflüssig ist generell ein Stichwort – Lea Seydoux ist überflüssig. Das klingt jetzt erstmal hart, wenn man bedenkt, dass sie das Bondgirl ist. Aber um sie wird eine Liebesgeschichte gewoben, die in Lächerlichkeit und Peinlichkeit kaum zu überbieten ist. Ihre Madeleine Swann verwandelt sich von einer eigenständigen Frau in ein liebestrunkenes Kind – eine Damsel in Distress, wie sie im Buche steht.

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James Bond hatte eine große Liebe und die ist tot. Seine persönliche Irene Adler, die, obwohl sie gegen ihn gearbeitet hat, sein kaltes Herz erobert und wieder gebrochen hat. Spectre zwingt dem Zuschauer eine neue große Liebe für Bond auf, die erstens völlig fehl am Platz und zweitens so pathetisch ist, dass das Gefühl des Fremdschämens in einer Form, wie man sie sonst nur von Nachmittagsformaten gewisser deutscher Fernsehsender her kennt, in einem aufkeimen lässt. Sie lässt sich sehr simpel zusammenfassen: „Ja, wir haben gerade zusammen einen Mann getötet. Was könnten wir jetzt machen? Genau, warum nicht Sex? Achja, und übrigens: Ich liebe dich!“.

Dagegen ist es fast schon großartig, dass Monica Belucci zusätzlich als Bonds G’spusi auftritt. Sie hat überhaupt keine Daseinsberechtigung im Film, sieht aber ultra-heiß aus – vielen Dank für das Casting einer über 50jährigen Schauspielerin, die so viel Style und Klasse hat.

Wir verstehen generell nicht, warum Filme immer so lang sein müssen. Im Fall Spectre, wie auch schon bei Skyfall, ist das wirklich eine Katastrophe. Man hätte locker eine Dreiviertelstunde kürzen können, wenn nicht sogar mehr, um dem Film mehr Spannung und Drive zu geben. Mit Mitte des Filmes herrscht vollkommener Stillstand – weder die Figuren, noch die Handlung bewegen sich in irgendeine Richtung, die auch nur ansatzweise interessant wäre. Bond und Madeleine tingeln umeinander, dass es kaum zu ertragen ist, dann folgt eine elendig lange Zugfahrt, ein schlecht choreografierter Kampf und mehr planloses „Beschaffen von Informationen“, bevor man endlich das Aufeinandertreffen zwischen Bond und Oberhauser zelebriert.

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[Spoiler!] Es fällt uns fast schwer das zu sagen, aber Andrew Scott – der ein großartiger Schauspieler ist, siehe Pride – lässt von Beginn an jeden wissen, dass er zu den Bösen gehört. Das ist nicht schwer zu erkennen, denn er spielt die selbe Rolle, für die er in Sherlock zurecht mit einem BAFTA belohnt wurde. Man weiß einfach sofort, noch bevor er den Mund aufmacht: Der gehört zu den Bösen. Es wirkt ein bisschen, als wäre er direkt vom Sherlock-Set zu Spectre gestolpert. Vielleicht ist es aber auch egal, so wie den Drehbuchautoren alles, was irgendwie Spannung erzeugen soll, egal zu sein scheint. [Spoiler Ende]

So schlimm das klingt – Spectre ist deshalb schlussendlich kein schlechter Film. Es steht Bond drauf, es ist Bond drin. Das Story-Sprungbrett für den nächsten Teil wurde am Ende direkt mitgeliefert und wir hoffen inständig, dass man sich langsam mal etwas neues einfallen lässt. Eine Figur, die über 60 Jahre generationsübergreifend unterhält hat es eigentlich auch verdient, dass man sie in ein Korsett aus Nostalgie zwängt und belanglos werden lässt. Obwohl es ja Gerüchten zu folge heißt, dass Daniel Craig vorläufig nicht mehr plant, in die Rolle des 007 zu schlüpfen, kann es wohl nicht sein, dass Spectre der Abschluss für diesen Darsteller gewesen sein kann, der mit dem großartigen Casino Royal einen der besten Auftakte für einen neuen Bond geliefert hat. Nicht falsch verstehen: Wir wünschen uns trotzdem wieder technische Spielereien, die Inspector Gadget vor Neid erblassen lassen würden, geschüttelten Martini und einen James Bond Villain, der die Welt zerstören will. Mit einem Laser.

James Bond 007 – Spectre
R: Sam Mendez
D: John Logan, Neal Purvis
Cast: Daniel Craig, Lea Seydoux, Christoph Waltz, Ralph Fiennes, Ben Wishaw, Andrew Scott
Laufzeit: 148min; FSK: 12, Start: 05.11.2015

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