„I’d go mad“ – Dokumentation Amy

Die Dokumentation Amy über das Leben der Ausnahmekünstlerin Amy Winehouse wird kontrovers diskutiert - wir haben es uns angesehen!

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Sie würde damit nicht umgehen können. Sie würde verrückt werden. Das sagt Amy schon zu Beginn der gleichnamigen Doku, zu einem Zeitpunkt, an dem sie noch so unbekannt, wie unbedarft ihre Gesangskarriere beginnt. Wir alle wissen, was mit der talentierten Jazzkünstlerin passierte. Wir haben gesehen, wie sie bis zu ihrem tragischen Tod 2011 durch die Medien gezerrt wurde wie Vieh. Kürzlich lief die Dokumentation von Senna-Regisseur Asif Kapadia in den österreichischen Kinos an und ich fand sie sehr gut.

Und dabei hatte ich zuvor große Bedenken, denn nachdem Kurt Cobain in Montage of Heck förmlich vorgeführt wurde, erwartete ich von einer Dokumentation über Amy Winehouse ähnliches. Natürlich, wenn man nüchtern auf die Bilder sieht, wird mit dieser Dokumentation ebenso massiv in die Privatsphäre einer Person eingegriffen, die sich nicht mehr wehren kann. Interessanterweise ist dies auch der Dreh- und Angelpunkt dieser Dokumentation, die sehr gut aufzeigt, wozu das Verlangen nach Prominenz und Erfolg führen kann. Das Tragische dabei: Es war nicht ihr Verlangen, sondern das aller anderen.

Alle sind Schuld. Alle. 

In dieser Dokumentation kommen einzig Amys Freundinnen Lauren und Juliette, sowie ihr ehemaliger Manager und Freund Nick Shymansky einigermaßen gut weg, da sie immer versucht haben, der jungen Frau, die jeglichen Bezug zur Normalität verloren hatte, zu helfen. Der Rest ist ein Rundumschlag gegen die Menschheit. Amy beginnt mit dem jungen Mädchen, das natürlich und lebensfroh von ihrer Leidenschaft für Jazzmusik erzählt und mit ihren Freunden loszieht, um diese Passion auch beruflich auszuleben. Schon damals war Erfolg ihr nicht wichtig, sie wolle nur singen und schreiben, das sei alles, was sie glücklich mache.

Wir werden zu Voyeuren einer gescheiterten, krankhaften Liebesbeziehung zu Blake Fielder-Civil, mit dem Amy Winehouse von Alkohol und Weed zu harten Drogen umstieg und den ersten Absturz erlebte. Kapadia stellt hier das Gesuch Shymanskys gegenüber Mitchell Winehouse dar, der, wie später im Song Rehab manifestiert, einen ersten Entzug ablehnt. Dies ist einer von vielen Momenten, die die Familie Winehouse in ein schlechtes Licht rücken. Ein weiterer wäre, als die Bulimie der 14-Jährigen Amy als „Phase“ abgetan wurde. Ungesund gepusht von Manager Raye Cosbert und Vater Mitchell sieht man die junge Frau von einem Extrem ins nächste stolpern. Untermalt werden alle Schicksalsschläge von den Songs, mit eingeblendeten Textstellen, die ihre Situationen ehrlich und direkt wiedergeben.

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Auch der Zwang und Druck einer Tour wird deutlich gemacht: Aufnahmen und Erinnerungen halten fest, dass die Sängerin nicht mehr auf die Bühne will. Sie zeigen, wie sie sich fast totsäuft, und erklären, sie tue dies in der Hoffnung, nicht auftreten zu müssen. Auch das Ergebnis, das vermasselte Konzert in Belgrad, sehen wir – einer dieser Momente der Doku, der Ursache und Wirkung so deutlich zeigt, wie man sie damals nicht erfahren hatte. Man fragt sich unweigerlich, wie ausweglos eine Situation sein muss, dass sie sich selbst zerstört, weil ihr sonst niemand zuhört.

Menschenrechte? Nicht bei öffentlichen Personen!

Der Film schießt sich darauf ein, Schuldige zu suchen und findet diese nicht nur im unmittelbaren Umfeld. Gerade im Moment des größten Zusammenbruchs sieht man einen Zusammenschnitt dessen, wie die Medien sich über ihren Zustand amüsieren, und bei einer Notfall-Kur mieten sich unzählige JournalistInnen in das Hotel ein und überwachen Amy in bester Stasi-Manier. Dass das Bedrängen von Menschen, Person öffentlichen Lebens hin oder her, noch immer nicht unter Strafe steht, ist mir ein Rätsel und wirft gerade in Momenten, in denen sich Menschen nicht mehr frei bewegen können die Frage auf, ob das nicht Menschenrechtsverletzung sei. Wie Amy Winehouse von Paparazzi bedrängt wird ist ein durchweg widerliches Bild.

Ganz gerecht wird der Film der jungen Frau nicht: Wir erfahren kaum etwas über sie als Person, als vielmehr Erklärungsversuche für die Ursachen ihrer Handlungen. Trotzdem hat mich Amy berührt, weil er aufzeigt, wie sehr man eine Person zerstören kann. Das Filmmaterial, welches von beachtlichem Umfang ist, wurde sehr gut selektiert. Handwerklich ist Kapadias Doku einwandfrei, fesselt über zwei Stunden, und lädt dazu ein, die Texte und gerade frühen Werke einer Ausnahmekünstlerin noch einmal genauer zu hören. Ich hoffe, aus diesem Film werden Lehren gezogen. Ich bin Optimistin.

Amy
R: Asif Kapadia
D: Amy Winehouse
Thimfilm
L: 127 min, 17.7.2015

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