Ed Wood: Autorenfilmer unter dem Mittelmaß

Ed Wood ist weltweit bekannt als der schlechteste Regisseur aller Zeiten, der den schlechtesten Film aller Zeiten, Plan 9 from Outer Space, drehte. Doch wer bestimmt eigentlich, was ein schlechter Film ist?
Vampira - Plan 9 from Outer Space
PLAN 9 FROM OUTER SPACE. Vampira – Maila Nurmi.
Photo Credit: Wikimedia Commons

Ed Wood ist weltweit bekannt als der schlechteste Regisseur aller Zeiten, doch wer bestimmt eigentlich, was ein schlechter Film ist?

Ed Wood ist weltweit bekannt als der schlechteste Regisseur aller Zeiten, der den schlechtesten Film aller Zeiten, Plan 9 from Outer Space, drehte. 1994 machten Tim Burton und die Drehbuchautoren Scott Alexander und Larry Karaszewski (die gerade mit Big Eyes mehr schlecht als recht an ihre Blütezeit anzuknüpfen versuchten) mit ihrem würdevollen und wunderschön gemachten Biopic Ed Wood nochmals auf den B-Movie-Exzentriker aufmerksam und kreierten damit, zumindest meiner Ansicht nach, auch Tim Burtons wahrscheinlich am meisten vollkommenen und besten Film. Über Edward D. Wood Jr. und seine exzentrische Art, wie auch seinen vollkommen von sich selbst überzeugten Dilettantismus kam in dem Film zum Vorschein. Ein großartiger Film über einen Mensch, der schlechte Filme machte. Doch wer bestimmt eigentlich, was ein schlechter Film ist?

Ich will hier keineswegs Ed Wood als missverstandenes Genie darstellten, der durch Hollywoods Studiosystem ausgebootet wurde. Aber ein bisschen missverstanden war er schon. Über die zahlreichen technischen Fehler und sein schieres Un-talent, wenn es um Regieanweisungen ging, gibt es keinen Zweifel. Auch über die gestelzten Dialoge („He’s dead. Murdered. And someone is responsible.“), die man besonders in Plan 9 zuhauf findet kann man auch über 60 Jahre später noch laut lachen. Kann man aber Ed Wood, der weder Drehbücher schreiben konnte, noch als Regisseur ein Auge für Details hatte, jegliche Vision absprechen?

Dazu werde ich nun im speziellen einen seiner wohl bekanntesten Filme thematisieren. Ich hatte mir vor einigen Jahren, inspiriert von Tim Burtons Film, eine DVD Kollektion mit Ed Wood-Filmen besorgt, um auch einmal die Originale bei einem lockeren Filmabend auf meine Lachmuskeln wirken zu lassen. Chronologisch veranlagt wie ich bin, sah ich mir als erstes seinen auch ein wenig autobiographisch geprägten Glen or Glenda? an. Meine Erwartungshaltung der Wood’schen Campiness wurde bei dem Film allerdings weitgehend enttäuscht. Was ich sah war dafür ein zwar schlecht gedrehter, aber für die repressiven Fünfziger Jahre in den USA unglaublich mutiger und ehrlicher Film, der es wagte, das Thema Transsexualität und Transvestitismus ohne moralinsauer aufgeladene, homophobe Propaganda, die in dieser Zeit in den USA noch allzu präsent war (als besonders perfides Beispiel kann hier der „Educational Film“ Boys Beware „empfohlen“ werden, den man sich mittlerweile auf archive.org ansehen kann, damit man sehen kann inwiefern institutionalisierte Homophobie damals Gang und Gäbe war) und ohne christlichen „hate the sin, love the sinner“ Aussagen den Menschen zum bemitleidenswerten Kranken abstempelt.

Glen or Glenda? -  Glen's Shame
Glen’s Shame (Bild von Flicr: autumnnn)

Nein, Wood zeigte damals Menschen, die ein Recht darauf haben, so glücklich zu sein, wie sie es sein wollen und es für sich selbst für richtig halten und nicht wie die Gesellschaft es von ihnen erwartet. Als am Ende ein Veteran des Zweiten Weltkrieges (wie es auch Ed Wood selbst war) nach der Geschlechtsumwandlung eine „happy, young lady“ wird, war dies ein Schlag ins Gesicht der amerikanischen Verbotsgesellschaft der 50er Jahre. Und für Ed Wood war dies sicherlich nicht als Provokation geplant oder ein Marketingag, sondern einfach seine persönlich, ehrliche Meinung zu der Thematik, ohne dass er an die damaligen Moralvorstellungen gedacht hat. Ed Wood machte einfach weiter. Er war ein Mann mit einer Vision und sah weder nach rechts oder links (und wahrscheinlich auch oft kein zweites Mal auf sein Drehbuch), wenn er sein Ziel vor Augen hatte. Ed Wood als Meisterregisseur zu bezeichnen, kann man schnell ad acta legen, jedoch ihm den Status als Autorenfilmer abzuerkennen, ist nicht so leicht, wie es einige gerne hätten.

Unabsprechbar ist Wood nämlich sein eigener, unverwechselbarer Stil. Wenn man sich einen Ed Wood ansieht, weiß man immer, dass man nicht in irgendeinem B-Movie sitzt, sondern dass man einen Ed Wood sieht. Der Dilettantismus wurde bei ihm schon zum unbewussten Stilmittel, das ihn von der Standardkost der Low Budget-Produktionen unterschied und somit auch eine surreale Stimmung aufkommen ließ. Seine Dialoge waren idiosynkratisch, die Ausstattung günstig bis zum Abwinken und er machte immer nur einen Take. Wenn man diese Charakteristika aus dem Kontext gerissen hört, könnte man fast meinen, es handle sich um eine Beschreibung der Dogma-Filme. Alexander Kluge sagte einmal, dass ein wahres Kunstwerk aus Herz, Hirn und Hand bestünde. Auch wenn Ed Wood offensichtlicherweise die letzten beiden in seinem Werk vermisste, ist das Herz in seinen Filmen doch überall zu spüren. Er war nämlich einer, der mit vollem Herzen dabei war, ein auteur des ehrlich-schlechten, der ungewollten Selbstoffenbarung der eigenen Talentlosigkeit und eines unkritischen Selbstvertrauens, das seinesgleichen suchte. Bei allem, was Ed Wood war, war er keineswegs ein Vertreter des Mittelmaßes. Ed Wood war eine Ausnahmeerscheinung, die niemals mittelmäßig wurde. Ed Wood war der Autorenfilmer unter dem Mittelmaß.

Glen or Glenda? bei archive.org

 

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