Das muss man sich nicht angucken: Cannibal Holocaust

Ich musste mir vor kurzem Cannibal Holocaust anschauen und es war das Schlimmste, das ich je gesehen habe.

Ich musste mir vor Kurzem Cannibal Holocaust anschauen und es war das Schlimmste, das ich je gesehen habe. Ich kann nicht nachvollziehen, warum jemand so einen Film als Unterhaltung sieht und noch viel weniger, warum man ihn macht. Ich konnte nicht fliehen und ich wünschte, ich könnte die Bilder wieder aus meinem Kopf bekommen.

Warum ich nicht einfach aufgestanden bin und gegangen bin, als einer Frau nach etwa 15 Minuten ein Stein in die Vagina geschoben wurde, weiß ich jetzt selbst nicht mehr – aus Kollegialität zu meiner Kommilitonin vermutlich – aber ich bereue es. Auch wenn ich ab einem gewissen Punkt die Sicht verweigert habe, war mir meine reine Anwesenheit bei „Nackt und Zerfleischt“ zuwider. Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht und habe mich dann mit Helge Schneider-Filmen in die albtraumlose Übermüdung gerettet.

Ich verzichte darauf, den Film jetzt zu sezieren. Für alle glücklichen, die sich noch nicht mit Ruggero Deodatos Skandalfilmchen auseinander gesetzt haben: Ein Suchtrupp findet auf einer Südseeinsel die abgenagten Überreste eines Filmteams und sichtet nach der Rückkehr deren Aufnahmen. Immer wieder führen Inseleinwohner und Filmteam sadistische Rituale aus. Zudem wird übermäßig sexuelle Gewalt sowohl gegen die Ureinwohner, als auch gegen die „Eindringlinge“ ausgeübt und Tiere – in einer heiß kritisierten Szene z.B. eine Riesenschildkröte – werden geschlachtet.

„I wonder who the real cannibals are?“

Das Ganze folgt im italienischen Genrekino dem Mondofilm, der mit seinem dokumentarischen Stil ein möglichst realistisches und damit abstoßendes Bild einer Gesellschaft zeichnet. Cannibal Holocaust bedient sich dieser Elemente und wird mit Hälfte der Laufzeit zu einem Found Footage Film mit wirklich überzeugenden Effekten. Und genau das war mein Problem – der Film ging mir durch Mark und Knochen. Und ich habe nicht mal hingesehen.

Man muss an dieser Stelle auch erwähnen, dass der Film nicht einfach nur unmotiviert rumsplattert, wie es heutzutage im Torture Porn gern gemacht wird. Vielmehr stellt er eine radikale Gesellschaftskritik auf, die ebendas anprangert, was sie zeigt („I wonder who the real cannibals are?“, fragen Protagonist und Film schlussendlich). Ausschließlich zu sagen, Cannibal Holocaust sei ein widerwärtiger Exploitation-Movie, der nur von der Provokation lebt, wäre unfair. Vielmehr verschmelzen Großstadt- und wirklicher Dschungel und die vermeintlich Zivilisierten werden zu Monstern.

NEIN, NEIN, NEIN, NEIN, NEIN!

Es ist nicht so, dass ich sonst keine Horrorfilme schaue. Ich tue das sogar gerne – gerade Filme aus den 70ern und 80ern. Ich schaue nicht so gerne hin, wenn es grindig wird, aber es geht schon. Das liegt auch ein wenig daran, dass gerade in dieser Zeit die Effekte sehr offensichtlich künstlich waren – und das ist für mich der Unterschied, der bei Cannibal Holocaust zu tragen kommt. Der dokumentarische Stil und das Wissen um die Produktionsverhältnisse geben den Bildern eine emotionale Tiefe, die ich einfach nicht ertragen kann.

Welche Produktionsverhältnisse? Zum Beispiel, dass zum Zweck des Filmes wirklich Tiere getötet wurden. Ich habe gesehen, wie die Beinchen der Schildkröte noch gezuckt haben, als sie ihr mit mehreren Hieben den Kopf abehackt haben. Das will ich nicht, dafür gibt es in meinen Augen keine Verteidigung im Namen der Kunst. (Nein, dass die Tiere danach verspeist wurden, ist KEINE Entschuldigung und auch keine Rechtfertigung)*.

Cannibal Holocaust 1980 (Flickr: dBnetco)
Cannibal Holocaust 1980 (Flickr: dBnetco)

Und selbst, wenn man die berühmte, fast schon ikonische, gepfählte Frau entzaubert, indem man recherchiert, dass sie auf einem Fahrradsessel ausgeharrt hatte, wirken die Szenen im Kontext mit den tatsächlich abgeschlachteten Tieren auf mich trotzdem massiv verstörend. Natürlich ist die Frage, warum uns Tiere im Film oft so viel mehr am Herzen liegen als Menschen, ein ganz eigenes Thema – hier geht es aber hauptsächlich um eine reale, keine fiktive Grausamkeit. Tatsächlich wird dadurch sehr deutlich, wie abartig real die Effekte in Cannibal Holocaust sind, dass Ruggero Deodato in Italien wegen Mordes angeklagt wurde (der Verdacht kam auf, Cannibal Holocaust wäre ein Snuff Film**). Erst die Aussagen der Darsteller sorgten dafür, dass die Klage fallen gelassen wurde.

Es gibt sicherlich genug Leute, denen es einfacher fällt als mir, Leinwand-Gewalt differenziert zu sehen. Wenn ich einen Film sehe, dann ist das für mich meistens purer Eskapismus. Ich tauche in eine Welt ab und kann ihn zeitgleich selten auf rein analytischer Ebene betrachten – das geschieht bei mir häufig erst im Nachhinein oder beim zweiten Sichten. Ich hatte natürlich schon gehört, dass dieser Film brutal ist, aber das Ausmaß an sexueller Gewalt hat für mich das Maß des Zumutbaren weit überschritten und daran kann der tatsächlich fantastische Soundtrack überhaupt nichts ändern. Sowas will ich nie wieder sehen müssen.

Nackt und Zerfleischt (Cannibal Holocaust)
Regie: Ruggero Deodato
Drehbuch: Gianfranco Clerici
Cast: Robert Kerman, Francesca Ciardi, Perry Pirkanen
Verleih: Shameless Screen Entertainment
FSK: 18


 

*Anmerkung: Deodate selbst hat wohl Reue, die Tiere getötet zu haben, würde den Shot heutzutage anders machen (müsste er auch). Zudem gibt es eine Schnittversion von Deodato (die animal cruelty-Version), die fast alle Tier-Schlachtszenen auslässt.

**Snuff Film: Filme, in denen Menschen tatsächlich sadistisch ermordet, gefoltert, gegessen werden und was man sich sonst noch nicht vorstellen möchte.

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2 Comments

  • Geht mir sehr ähnlich wie dir. Finde es hochgradig absurd, dass das in einer Lehrveranstaltung ohne Vorwarnung gezeigt wird. (Oder gab es die?)

    Was das Argument betrifft, dass derlei Filme ja nur die Grausamkeit der Gesellschaft zeigen wollen würden und einen Spiegel vorhalten, usw.: Das ist in meinen Augen die ewig selbe Ausrede. Ich kann auch ohne abartige Gewaltdarstellungen Transgressionen, Horror und Perversionen vorführen und Menschen aufwühlen ohne sie komplett zu verstören. Denn ich glaube, die wenigsten setzen sich nach so einen Film gemütlich auf die Couch und sinnieren über das Wesen unserer Gesellschaft.

    Leute, die Filme wie diesen hier beschriebenen und ähnliche (torture porn, usw.) machen, sind in meinen Augen einfach Vollidioten (ditto Game-Entwickler, die Machwerke wie „Hatred“ fabrizieren).

  • Nein, leider gab es die nicht. Es wurde eher angepriesen als ein „Must-See“, als spaßigster Teil der Lehrveranstaltung (Belohnung sozusagen). Ich habe aber im Nachhinein ein sehr gutes und ausführliches Gespräch mit dem Dozenten darüber gehabt. Ich finde es sehr positiv und spannend erstmal, dass ich mich damit auseinander setzen musste, was Filme mit mir machen (können). Trotzdem war ich einige Tage wirklich traumatisiert davon, auch wenn das ein wenig überzogen klingt für manche. Jeder reagiert eben anders auf Situationen.

    Ich sehe das ähnlich, dass man das nicht braucht und das ich auch nicht viel von den Menschen halte, die das produzieren. Aber ich finde, es mussten in diesem speziellen Fall der Vollständigkeit halber ein paar Punkte erwähnt werden (wie die latente, aber in meinen Augen gescheiterte Gesellschaftskritik). Ich glaube ehrlich gesagt, dieses pseudo „Der Mensch ist so grausam“ Bla Bla ist vorgeschoben, um dieses Produkt irgendwie in dieser Zeit noch zu rechtfertigen. Das braucht man heute nicht mehr, da kann man einfach Torture Porn sein lassen, was es ist.

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