Belladonna der Trauer – Ein Ritt durch die Jahrtausende

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Wir schreiben das Jahr 2016, als in Wien bei der mittlerweile siebenten Ausgabe des slash-Filmfestivals die digitale 4K-Restaurierung von Eiichi Yamamotos Belladonna der Trauer gezeigt wird. Man könnte annehmen, dass man als Zuschauer durch die bisherigen Festivaltage bereits sehr abgehärtet ist: Von Lederhosenzombies über Oktopusmenschen bis hin zu Ruggero Deodato hat man eigentlich schon alles gesehen. Und dennoch taucht dann plötzlich im Programm dieses vierzig Jahre alte japanische Kleinod auf, das sich letzten Endes mit nichts vergleichen lässt, was man bisher gesehen hat – Grund genug, sich auf eine kleine Zeitreise zu begeben!

Beginnen wir am besten mit einem kleinen Zitat, das den Filmtitel Belladonna der Trauer ein wenig erklärt:

Tausend Jahre hindurch war die Hexe der einzige Arzt des Volkes. […] Gewöhnlich belegte man sie aus einem mit Furcht gemischten Respekt mit dem Namen „gute Frau“ oder „schöne Frau“ (bella donna), derselbe Name, den man den Feen gab. Dasselbe, was noch heute ihrer Lieblingspflanze, der Tollkirsche (Bella-donna) und anderen heilsamen Giften passiert, die sie anwendet und die das Gegengift gegen große Landplagen des Mittelalters waren, geschah auch ihr. Das Kind und der unwissende Wanderer verfluchen diese düsteren Blumen, bevor sie sie kennen. […] Gerade sie aber sind die Trösterinnen, die, vorsichtig angewendet, so oft schon geheilt und so viel Leiden betäubt haben.

Jules Michelet, Die Hexe

Wir schreiben das Jahr 1971, als sich das von Manga-Koryphäe Osamu Tezuka gegründete Anime-Studio Mushi Production daran macht, den vierten Kinofilm von Eiichi Yamamoto zu produzieren. Der Regisseur zeichnete sich davor für den Kinoableger der Fernsehserie Kimba, der weiße Löwe verantwortlich (deren Neuverfilmung durch Disney uns heute allen unter dem Titel Der König der Löwen mehr als bekannt ist) sowie für zwei Filme, die gemeinsam mit Belladonna lose zur sogenannten Animerama-Trilogie zusammengefasst werden: 1001 Arabian Nights und Cleopatra richten sich im Gegensatz zu Kimba an ein erwachsenes Publikum und faszinieren bis heute durch eine schräge Mischung aus Erotik und absurdem Humor. Belladonna hebt sich jedoch deutlich von diesen beiden Filmen ab, da der Film bis zum Schluss einen ernsten Ton anschlägt und nicht mehr im fernen Orient sondern in Frankreich spielt.

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Wir schreiben das Jahr 1862, als der französische Historiker Jules Michelet in Paris das Buch Die Hexe publiziert, auf dem Yamamotos Film 90 Jahre später aufbauen wird. Michelet rekonstruiert ausführlich die Geschichte der Hexen und stellt dabei die These auf, dass die Entstehung des Hexenwesens eine rebellische Reaktion auf die Goldgier von Adel und Klerus war, die im 14. Jahrhundert aufkam. Während die Männer verzweifelt versuchen, den willkürlich festgelegten Grundzins mit der Ernte zu entrichten, lässt sich die Frau auf einen Pakt mit dem Teufel ein, zieht in die Wälder und beginnt dort als Hexe der leibeigenen Bevölkerung Trost zu spenden: Wenn sämtliches Übel von Gott auszugehen scheint, bleibt dem Menschen nichts anderes übrig, als sich Satan zuzuwenden.

Das Ungewöhnliche an Michelets Buch ist, dass er sich stellenweise vom Schreibstil einer historischen Abhandlung löst und man das Gefühl bekommt, einen Roman zu lesen: Michelet spricht von sämtlichen Hexen, die im Laufe mehrerer Jahrhunderte gelebt haben, als ob sie ein und dieselbe Frau wären. Aussehen und Gefühlsregungen dieser Frau werden aufs Genaueste beschrieben; die Gespräche zwischen ihr und dem Teufel, in deren Verlauf letzterer immer mehr Besitz von ihr ergreift, werden in Dialogform geschildert. Genau diese unfassbar sinnlichen (wenn nicht sogar erotischen) Textpassagen des Buches sind es, die Yamamoto am meisten interessiert zu haben scheinen – doch zunächst ist die Zeit reif für eine kleine Inhaltsangabe!

Wir schreiben das Jahr 1300, als das Bauernmädchen Jeanne den Mann ihrer Träume Jean heiraten möchte. Leider machen der örtliche Baron und sein Gefolge derart ausgiebig von ihrem „Ius primae noctis“ Gebrauch, dass Jeanne sich in ihrer Verzweiflung vom Teufel (in Gestalt eines Phallus!) zu einem Pakt überreden lässt: Angetrieben von dem Gedanken, nur noch Böses tun zu wollen, um sich an ihren Herrschern zu rächen, verwandelt sich die ehemalige Jungfrau langsam aber sicher in eine Hexe – und wird dabei, indem sie durch ihre Kenntnis der Heilkräuter die Dorfbevölkerung vor der Pest rettet, zur Anführerin einer revoltierenden Bewegung im Dorf, die nachts im Rahmen von ausschweifenden Sexorgien den Teufel vereehrt.

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Während Eiichi Yamamotos Film sich inhaltlich mit Aspekten beschäftigt, um die es bereits in Michelets Hexe ging (selbst die für Michelet nicht unbedeutende Brücke zum Geist der französischen Revolution wird am Ende geschlagen), scheint die ästhetische Ebene von Belladonna alles abdecken zu wollen, was unsere Kulturgeschichte seit dem Erscheinen des Buches inzwischen durchlebt hat: Sigmund Freuds Modell der Psychoanalyse und das feministische Empowerment spiegeln sich beispielsweise im phallischen Teufel wider, der immer größer wird, je mehr Jeannes Macht zunimmt. Die mittlerweile fünf Jahre zurückliegende sexuelle Revolution äußert sich in einer äußerst expliziten Darstellung der bei Michelet noch sehr subtil angelegten Erotik. Die Zeichnungen springen wild zwischen Impressionismus, Jugendstil, Expressionismus, Pop Art und einem Comic-Look hin und her. Auf der Tonebene treten ein psychedelischer Prog-Rock Score, balladenartige Gesangseinlagen, Jazz-Anklänge und ein an Schlagermusik erinnerndes Titellied in mehrfachen Variationen abwechselnd gegeneinander an.

Dieses unfassbare Potpourri aus unterschiedlichsten Stilrichtungen ist es, was Yamamotos Film so fantastisch macht – Jeannes Geschichte wird nicht mit einem klassischen Spannungsbogen, sondern eher in einer aus Musicals bekannten set-pieces-Struktur erzählt: Die Kamera fährt fünf Minuten lang über wunderschöne, statische Tableus, während uns eine Erzählstimme den Fortgang der Handlung beschreibt. Wenn wir Dialoge auf der Tonspur hören, bewegen die Figuren den Mund nicht, sondern blicken bloß in unbewegten Zeichnungen einander an (als ob man Robert Bressons Projektionsflächen-Konzept, bei dem Emotionen nicht vom Schauspieler erzeugt werden, sondern vom Zuschauer in diesen hineininterpretiert werden müssen, in den Animationsfilm zu übertragen versucht hat). Dann setzt plötzlich Musik ein, die Bilder fangen sich auf faszinierendste Art und Weise zu bewegen an und laden dazu ein, fünf Minuten lang einfach nur in ihnen zu schwelgen. Dann übernimmt wieder die Narration für fünf Minuten das Ruder, um im Anschluss wieder für fünf Minuten auszusetzen, etc.. Belladonna geht es also nicht bloß darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern auch die zahllosen formalen Möglichkeiten des Animationskinos zu zelebrieren.

Gerade deshalb ist Belladonna stellenweise aber auch unfassbar verstörend: selbst die grausamsten Handlungen werden zwar sehr explizit, zugleich aber auch ästhetisch unfassbar reizvoll inszeniert und bringen einen als Zuschauer regelmäßig in ein moralisches Dilemma. Ich habe beispielsweise in meinem Leben noch nicht allzu viele Hexenverbrennungen auf Leinwand gesehen, wage aber zu behaupten, dass ein derartiges Ereignis niemals sinnlicher in einem Film inszeniert worden ist: Wenn Jeanne zum Schluss des Filmes das Ende findet, das alle Bella Donnas ihrer Zeit ereilt hat, kommt man aus dem Staunen darüber, wie lüstern sich die Flammen an ihrem nackten Frauenkörper entlang schmiegen, gar nicht mehr heraus. Wer sich also gerne auch mal vom Kino herausfordern lässt, wird mit Belladonna der Trauer große Freude haben.

Kehren wir ins Jahr 2016 zurück: Digitale Restaurierungen genießen bekanntlich keinen makellosen Ruf, da sie (abgesehen davon, dass man gerne Dilettanten mit den Mitteln des Color Timing die gesamte Farbgebung eines Filmes verpfuschen lässt) vor allem einen Film seiner Materialität berauben. Bei einem Kunstwerk wie Belladonna der Trauer ist dieser Nachteil aber ein Segen, da nun der Blick auf das eigentliche Material des Filmes – das Papier, auf dem gemalt wurde – frei wird und man nicht mehr gezwungen ist, durch den Schleier eines Analogfilmes darauf zu blicken. Die Firma Cinelicious Pics hat hier wirklich brillante Arbeit geleistet, an der sich unsere nördlichen Nachbarn noch länger erfreuen dürfen, da der Filmverleih Rapid Eye Movies eine Kinotour durch Deutschland organisiert hat. In Österreich sind die Chancen, Belladonna der Trauer noch einmal irgendwo auf Leinwand zu sehen, leider sehr gering. Doch das ist kein Grund zum Verzagen: Es würde mich sehr wundern, wenn nicht in nächster Zeit eine deutschsprachige Bluray dieser Sternstunde des Animationsfilms erscheint!

哀しみのベラドンナ (Kanashimi no Belladonna)

Japan 1973
R.: Eiichi Yamamoto
B.: Yoshiyuki Fukuda, Eiichi Yamamoto, basierend auf „La Sorcière“ von Jules Michelet
C.: Aiko Nagayama, Tatsuya Nakadai, Chinatsu Nakayama
M.: Masahiko Satoh
Verleih: Rapid Eye Movies
Filmstart: 01.09.2016
FSK: 16

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