Schwere See, mein Herz: Gutschein für eine Fahrt ins Blaue

Das Meer kann rau sei. Besonders vor Cuxhaven, wo Windstärke 10 schon einmal vorkommt. Heidi, die eben dort wohnt, ist die 12-jährige Heldin in Olivia Viewegs neuer Graphic Novel Schwere See, mein Herz, der diesen Frühling bei Suhrkamp erschienen ist.
Schwere See, mein Herz (Bild: Suhrkamp Verlag)
Schwere See, mein Herz (Bild: Suhrkamp Verlag)

Das Meer kann rau sei. Besonders vor Cuxhaven, wo Windstärke 10 schon einmal vorkommt. Heidi, die eben dort wohnt, ist die 12-jährige Heldin in Olivia Viewegs neuer Graphic Novel Schwere See, mein Herz, der diesen Frühling bei Suhrkamp erschienen ist.

Heidi führt den täglichen Überlebenskampf eines Teenagers. Der kleine Bruder nervt und die Eltern machen kein großes Geheimnis daraus, dass sogar sie Heidi irgendwie sonderbar finden und sich Sorgen machen. In der Schule macht vor allem Biologie Probleme. Und mit den gleichaltrigen Freundinnen ist es auch nicht gerade einfach, denn früher waren die irgendwie sympathischer und nicht solche Zicken. Jetzt stehen sie auf Boybands und Zigaretten oder verlieben sich in ältere Jungs.

Heidi ist in allem ganz anders, behält das aber für sich, um nicht negativ aufzufallen. Denn sie interessiert sich für ganz Mädchen untypische Dinge: für das Meer und die Seefahrt, für Abenteuerromane und Fischfang-Kapazitäten. Und vor allem sehnt sie sich nach einem ganz bestimmten Kutterkapitän, den zu lieben eine gewisse Aussichtslosigkeit mit sich bringt.

Aber vielleicht ist gerade das das Besondere daran, denn Heidi hat durch diesen Kapitän etwas gefunden, das nur ihr gehört. Sonst geht Heidis Leben nämlich regelrecht über vor Dingen, die andere von ihr wollen. Sie soll gut in der Schule sein, toll finden, was ihre Freundinnen als gut befinden und sogar Geld klauen, um in der Clique dazuzugehören.

Schwere See, mein Herz (Bild: Suhrkamp Verlag)
Schwere See, mein Herz (Bild: Suhrkamp Verlag)

Ein harter Alltag, könnte man sagen, um den man die junge Heldin wahrlich nicht beneidet, bis schließlich ein Traum wahr wird: Heidi setzt ihren Fuß auf den Fischkutter, lernt ihren geliebten Kapitän kennen und zum Geburtstag schenkt ihr die Crew sogar noch das beste Geschenk überhaupt: eine Fahrt ins Blaue.

Schwere See, mein Herz ist eine Coming-of-Age-Geschichte über ein Mädchen, das ohne rosarote Brille durch die Welt stolpert. In ihrem Leben ist alles blau. Blau wie das Meer, blau wie die Sehnsucht nach der Ferne. scheint sie auch da, wo das Wasser beginnt, immer eine Spur richtiger zu sein, als überall sonst, denn auch die Bilder von Olivia Vieweg sind blau koloriert. Es sind auch vor allem die Zeichnungen, auf denen Wasser, Schiffe und Regen zu sehen sind, die man sich am liebsten ausschneiden möchte, weil sie wie echte Perlen zwischen den überhaupt wunderbaren Zeichnungen auftauchen.

12559_vieweg_oliviaSechs Fragen an Olivia Vieweg:

Liebe Olivia, in deinen Graphic Novels und auch deinem Comicroman Bin ich blöd oder was? geht es immer wieder um (weibliche) Teenager. Was findest du an dieser Zeit im Leben spannend? Wie versetzt du dich in dieses Alter zurück?

Ich finde an diesem Alter spannend, dass so vieles in Bewegung ist, dass die Figuren schon wahnsinnig erwachsen sein können, aber auch noch richtig kindlich. Das geht bei Figuren um die 20 natürlich auch noch, aber da kommen dann ganz andere Verantwortungsbereiche dazu, während die Teenager noch „geschützt“ unter dem Dach ihrer Eltern leben. Das macht die kleinen und großen Lebenskatastrophen aber nicht weniger wichtig.

Auf deinem Blog schreibst du, dass Schwere See, mein Herz der Comic ist, bei dem du bislang am meisten gemacht hast, wonach dir selbst war. Was bedeutet dieses Buch für dich?

Es ist tatsächlich das Projekt, wo ich am häufigsten gedacht habe: Scheiß auf das, was die Leute denken! Wobei, wenn es dann mal draußen ist, ist einem das sehr schnell nicht mehr egal und man will lieber keinen Verriss einstecken. Aber der „Vision“, wenn man das so nennen will, die ich von Anfang an hatte, bin ich ziemlich konsequent gefolgt. Aber das Buch bedeutet mir nicht mehr oder weniger als die anderen Graphic Novels, die ich geschrieben und gezeichnet habe.

Wie findest du eine Geschichte oder findet die Geschichte dich? Und wie entwickelst du sie? Was sind deine Arbeitsschritte, wie findest du einen Stil etc.?

Bisher finden die Geschichten mich. Ich musste bis jetzt nie lange suchen, und ich sehe das als gutes Zeichen. Am Anfang steht meistens ein Gefühl, eine Stimmung, und dann kommen die einzelnen Elemente der Handlung angekrochen und ich muss sehen, wen ich durchlasse und wen nicht. Der erste Arbeitsschritt ist also immer das Nachdenken. Parallel dazu kommt die Figurenfindung, also das Entwerfen der Hauptfiguren. Ich brauche ein Gesicht für meine Helden, dann fühlt sich das Ganze schon viel besser an. Danach schlage ich die Geschichte dann dem Verlag vor. Wenn die Antwort positiv ausfällt, fange ich an Storyboards zu zeichnen. Das sind sehr skizzenhafte Entwürfe der einzelnen Comicseiten. Danach geht es an die richtigen Seiten, das braucht am meisten Zeit und Nerven. Vor allem die Hintergründe…

Was sollte in einer Coming-of-Age-Geschichte deiner Meinung nach unbedingt passieren? Und was soll keinesfalls vorkommen?

Na, unbedingt sollte passieren, dass der Held eine neue Erkenntnis erhält. Etwas, was mit dem Erwachsenwerden zu tun hat, etwas, das auch gerne bitter sein darf. Die meisten Coming-of-Age-Geschichten sind auf eine Art und Weise bitter. Was keinesfalls passieren sollte? Dass es unehrlich erzählt ist, wenn man merkt, dass der Autor die Entwicklung nur zurecht konstruiert hat. Bei Schwere See wollte ich meine eigenen Gedanken festhalten, die mich damals in Heidis Alter umgetrieben haben. Dass bei den Klassenkameraden plötzlich Sachen cool werden, weil ihnen etwas „erwachsenes“ anhaftet. Und dass es plötzlich uncool ist Zeichentrickserien zu schauen, obwohl die viel intelligenter sein können, als das was an Erwachsenen-Unterhaltung geboten wird. Dass die Leute einer seltsamen Illusion vom erwachsenen Leben nacheifern, und man selber nur daneben steht und denkt: Hä? Nichts davon ist doch erstrebenswert! Warum kapiert ihr das nicht?

Bei Heidi ist stark die extreme Leidenschaft spürbar, die sie für das Meer empfindet und die sie durch ihr ganzes, sie doch etwas überforderndes Leben hindurchrettet und zu sich selbst führt. Liebst du selbst auch die See oder hast du andere Leidenschaften, die dich immer wieder aus dem Alltag herausretten?

Ich liebe das Meer, fürchte es aber auch. Es ist ja nicht immer blau und schön, es ist auch dunkel und stellenweise unerforscht. Deswegen kann ich es nicht so romantisieren, wie Heidi es tut. Meine Leidenschaft sind natürlich Comics, Animationsfilme oder auch die alte Star-Trek-Serie aus den 60ern. Das sind definitiv Dinge, die mich oft aus meinem Alltag befreien. Und Reisen nach Japan oder Amerika stehen auch ganz oben auf meiner Eskapismus-Liste.

Du hast heuer bei der Drehbuchwerkstatt München den Tankred-Dorst-Drehbuchpreis für die Adaption deines Comics Endzeit in ein Spielfilm-Drehbuch erhalten. Sind in deiner Vorstellung die Charaktere während des Drehbuchschreibens Menschen oder gezeichnete Figuren?

Das mischt sich immer. Mittlerweile sind es eher Menschen, weil ich die Realisierung des Filmes mit Schauspielern im Sinn habe. Aber das hält mich nicht davon ab Skizzen meiner Figuren zu zeichnen und dabei über bestimmte Szenen nachzugrübeln und wie man sie besser machen kann.

Leseprobe>>

Schwere See, mein Herz
Olivia Vieweg
Berlin: suhrkamp taschenbuch
116 Seiten, erschienen am 08.06.2015

Mehr zu Olivia Vieweg: www.olivia-vieweg.de

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