Die Kamera als Protagonist – Victoria (2015)

 

Victoria - Oiizielles Filmplakat Quelle: Victoria- offizielle Facebook-Seite
Victoria – Oiizielles Filmplakat
Quelle: Victoria- offizielle Facebook-Seite

Sebastian Schipper machte Ende der Neunziger Jahre mit Absolute Giganten sein vielerorts gerühmtes Regiedebüt. Mit Victoria läuft nun sein vierter Film in den Kinos. Das Besondere hieran ist die Tatsache, dass die 140 Minuten des Filmes in einer Plansequenz gefilmt wurden.

One Girl. One City. One Night. One Take.

Gerade, als die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) von einer Berliner Disco nach einer fast durchgefeierten Nacht nachhause gehen will, lernt sie die vier „waschechten“ Berliner Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowksy), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) kennen – auf Anhieb verstehen sich die fünf gut. Auch, wenn die Nacht schon alt ist, und Victoria vor ihrem Arbeitsbeginn in einem Café noch etwas Schlaf nachholen möchte, beschließen sie, gemeinsam noch weiter feiern zu gehen. Gegenseitige Sympathie ist auf jeden Fall vorhanden, vor allem zwischen Victoria und Sonne.
Doch als sich Fuß ins Koma säuft, muss Victoria an seiner Stelle als Chauffeurin für die anderen drei einspringen, noch im Unklaren darüber, worauf sie und ihre neuen Bekanntschaften sich lassen…

Die Kamera als Protagonist

Es fällt überaus schwer, über Victoria zu schreiben, ohne zu sehr zu spoilern. Gerade deswegen haben viele Kritiken und auch der Trailer ohne Vorbehalt den Umbruch in der Geschichte nach dem ersten Akt beschrieben. Ich versuche, so wenig wie möglich vorwegzunehmen, damit das Filmerlebnis so frisch wie möglich bleibt.
Die große Leistung des Filmes ist es auf jeden Fall, die gesamte Handlung in nur einer fortlaufenden Einstellung, einer sogenannten Plansequenz (oder auch „One Take“) abzufilmen. Die Kamera bleibt hierbei bei den DarstellerInnen und verfolgt sie und ihre Handlungen auf Schritt und Tritt, ohne zu zwischendurch zu schneiden. Die Kameraführung ist der größte Star des Filmes, da die vielen Ortswechsel meisterhaft umgesetzt und ohne Probleme durchgeführt worden sind. Zeitweise vergisst man sogar, wie die Kamera an gewisse Orte gekommen ist, und versucht während des Schauens ein paar Wege zurückverfolgen zu können. Sie ist im Grunde ein eigener Protagonist, allerdings nicht im Sinne ihrer Rolle in Found-Footage-Filmen. Vielmehr erinnert sie an Dziga Vertovs Meisterwerk Der Mann mit der Kamera, in welchem der großteils „unsichtbare“ Protagonist das Erwachen einer Stadt filmt und aufzeichnet.
Der Film schafft es sogar, während seiner Plansequenz mehrere Montage-artige Stellen einzufügen, als der Dialog ausgeblendet, und mit extra-diegetischer Musik übertönt wird. Hierbei vergisst man vollends darauf, dass man bisher noch keinen Schnitt im Film erlebt hat.
Dass man oftmals auf die Anwesenheit der Kamera vergisst, liegt vor allem auch an der schauspielerischen Leistung der ProtagonistInnen. Diese bleiben alle 140 Minuten hindurch in Topform, und durchleben eine breite Auswahl an Gefühlsregungen. Sie können sich lediglich dann eine Auszeit gönnen, wenn die Kamera gerade mit einer anderen Figur beschäftigt ist. Vor allem Costa und Lau, die zusätzlich dazu eine tolle Chemie verströmen, können als Hauptfiguren überzeugen, und haben neben Sturla Brandt Grøvlen die meiste Arbeit beim Dreh gehabt.
Zunächst würde man meinen, eine gewöhnliche Boy-meets-Girl-Geschichte zu erleben, doch 140 Minuten sind lang, und am Ende kann nichts mehr so sein, wie es zu Beginn war. Charakterlich hat sich einiges getan – nicht einmal der Protagonist Kamera kann da am Ende noch Beistand leisten.
Als Kritikpunkt könnte man angeben, dass der bereits erwähnte Umbruch in der Handlung nach dem ersten Akt zu gewaltig und plötzlich daherkommend erscheint. Auch wenn gewisse Taten der Figuren schon früh vorausblicken lassen, wohin sich diese Nacht noch entwickeln könnte.

 

Victoria - Berlin bei Nacht

Verdikt: Berlin, Berlin

Alles in allem ist Victoria ein großartiger Film, den man im heurigen Jahr gesehen haben muss. Die schauspielerische Leistung der ProtagonistInnen, allen voran Laia Costa und Frederick Lau, ist top, und wird nur von der Leistung der Kameraführung durch Sturla Brandt Grøvlen übertroffen. Der Genrewechsel nach dem ersten Drittel ist eventuell etwas hart und zu abrupt, aber schadet dem Filmgenuss in keinster Weise.
Victoria ist definitiv ein Highlight für Cineasten und ein abwechslungsfreudiges Publikum.

PS: Ich bin eigentlich dagegen, den Trailer zu zeigen, da er zu sehr spoilert, wie ich finde. Dennoch, wer sich davon nicht abschrecken lassen will und sich ein Bild vom Film machen möchte, kann das hier erledigen:

Victoria
R: Sebastian Schipper
Buch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
D: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowsky
Senator, MonkeyBoy
FSK- 12, L: 140min, ET: 11.6.2015

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