Suspiria: Alles ist ein Remix

Dario Argento ist eine Ikone des atmosphärischen Horrorkinos. Mit Suspiria sollte er zurecht Einfluss auf viele Genrefilme haben, die danach kamen. Dass dieses Remake ein heikles Unterfangen ist, liegt also auf der Hand. Luca Guardagnino wagte es – schaffte es aber nicht, einen ähnlich einnehmenden Film abzuliefern.
Der Suspiria-Plot ist schnell beschrieben: Susie Bannon trifft als Neuling in einer Tanzschule im Berlin der 1977 ein und kann sich mit ihrem scheinbar natürlichen Talent sofort an die Spitze tanzen. Schnell wird jedoch klar, dass die Schule von einem Hexenzirkel geleitet wird, der neben der Show ganz andere Ziele verfolgt. Mit Call Me By Your Name hat der Italiener Guardagnino bereits eindrucksvoll bewiesen, dass starke und schöne Bilder sein Steckenpferd sind. Wer also eine nicht unbegründete Skepsis an die Idee legte, Dario Argentos Meisterstück neu zu inszenieren, konnte zumindest bei dem Gedanken beruhigt schlafen, dass ein visuell ansprechender Film auf einen wartete. Dieses Versprechen löst Sayombhu Mukdeeprom, der schon bei Call Me hinter der Kamera stand, mühelos ein. Die Bilder sind stimmungsvoll, stark entsättigt und meistens mit einem Braunton direkt aus Omas Wohnzimmer durchzogen – perfekt, um den Berlin ’77 Charme zu transportieren, auf den Guardagnino massiven Wert legt (weil es das Jahr des Originals ist).
Courtesy of Amazon Studios
Tilda Swinton glänzt in gleich zwei Rollen. Einerseits als Tanzlehrerin Madame Blanc, die stets zwischen Sympathie und Antipathie schwebt. Andererseits als Dr. Josef Klemperer, der als Psychologe versucht, die Mädchen der Tanzschule vor der Hexenbedrohung zu retten, vermutlich weil er sich selbst nicht vor seiner Vergangenheit retten kann. Dakota Johnson arbeitet weiterhin erfolgreich daran, alle vergessen zu lassen, dass sie in 50 Shades of Grey mitspielte und liefert auch hier ihre gewohnt stoische Performance ab. Während sie in den Tanzszenen zu beeindrucken weiß, wirkt ihr Schauspiel in der Interaktion mit anderen abwesend und zu verträumt –  das passt nicht immer. Das Ensemble an Schauspielerinnen, das Guardagnino hier versammeln konnte, mit einem Cameo von Jessica Harper (die Original-Suzy), sowie Angela Winkler und Ingrid Caven als Hexen geben dem Zirkel eine glaubhafte Dynamik und produziert die besten Szenen des Films. Trotzdem hat Suspiria massive Probleme. Es kommt zu keiner Zeit an die dichte Atmosphäre des Originals heran, das allein durch Licht und Ton die banalsten Szene aufladen konnte. Als unabhängiges Werk betrachtet, macht der Film sogar noch mehr falsch. Das größte Problem ist die konstante Erwähnung deutscher Geschichte, mit stetigen Hinweisen auf den Terrorismus der Baader-Meinhof Gruppe. Diese werden mit einer solchen Intensität in den Film gezwungen, dass man meine könnte, es wird eine Geschichtsstunde. Dabei führen die Berichte, meist im Radio oder Fernsehen, ins Nichts und wer sich nicht mit der RAF beschäftigt hat, der kann mit den meisten Informationen nichts anfangen. Die permanente Erwähnung wirkt wie ein Fremdkörper im Film und würde ihn nicht im geringsten ändern, hätte man sie einfach raus gelassen. Tatsächlich wirkt es, als hätte man das Jahr als Hommage gewählt und ist beim Schreiben und der Recherche darauf gekommen, dass es in Deutschland Nazis, Terrorismus und ein geteiltes Berlin gab – und weil das so spannend und neu war, musste es alles in den Film, sozusagen als kleine Lehrstunde zwischendurch. Generell fühlt sich der Versuch, sich möglichst von Argentos Film abzuheben und deshalb viel mehr Geschichte hineinzustopfen, misslungen an. Guardagnino erklärt zu viel und lässt damit nichts für die Imagination seines Publikums mehr übrig. Klarer werden die Verstrickungen dabei bei weitem nicht, eher im Gegenteil. Obwohl mal unfassbar viel erzählt bekommt, muss man doch am Ende genau hinschauen, um zu verstehen. Nun ist aber Verwirrung keine besonders gelungene Taktik für einen Horrorfilm, der Angst machen sollte und nicht ratlos. Angst hat man zu keinem Zeitpunkt, denn man weiß ja schon alles. Es gibt kein Mysterium mehr, es gibt keinen Schockmoment. Es gibt sehr gute Ideen, die für sich allein genommen brillant scheinen, den Film jedoch nicht aufwerten können. Die fantastisch choreografierte, intensive und vor allem innovative Tanzszene beispielsweise, von der alle sprechen, ist ein Höhepunkt im Film, der jedoch eher Bewunderung als Schauder hervorruft. Zu keinem Zeitpunkt hat man Angst um die Figuren, da es vollkommen an Empathie fehlt. Das Finale wackelt auf dem schmalen Grad zwischen überzeichnet und unfreiwillig komisch hin und her, schwankt vom einen ins andere, ist aber (für mich, und für viele andere nicht) visuell ansprechend genug, weniger darüber nachzudenken und vielmehr den Moment zu genießen. Obwohl sehr viel falsch gemacht wurde, kann man Suspiria ein gewisses Maß an Kreativität nicht absprechen. Allein für die fantastischen Kostüme und Tanzszenen ist er sehenswert, aber wer sich mit einen großen Film messen will, der muss auch aushalten können, wenn’s eben nicht gereicht hat. Der Soundtrack von Thom Yorke ist okay, reicht jedoch einfach nicht an den ikonischen Goblin-Sound heran. Auch wenn man das Original nicht gesehen hat, merkt man, dass Guardagninos Version die dichte Atmosphäre und die Angst vor dem Ungewissen fehlt, die ganz ohne Erklärungen auskam, da die Bilder für sich sprachen (und es jetzt wirklich nicht so viel zu erklären gab). Argentos Suspiria ist hingegen zeitlos und wurde mit der Neuverfilmung so stark geerdet, dass es leider seinen Drive verliert. Suspiria (2018) R: Luca Guardagnino D: David Kajganich C: Dakota Johnson, Tilda Swinton, Mia Goth Laufzeit: 152 min; FSK: 16; Kinostart: 13.11.2018
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