Jung, wild und kritisch: Crossing Europe 2015

Beim diesjährige Crossing Europe Filmfestival wurden in neun Rubriken 160 Filme aller Genres aus 45 europäischen Ländern vom 23.04. – 28.04 in Linz gezeigt.
Crossing Europe Linz Foto: Christoph Thorwartl / www.subtext.at
Crossing Europe Linz Foto: Christoph Thorwartl / www.subtext.at

Beim diesjährigen Crossing Europe Filmfestival wurden in neun Rubriken 160 Filme aller Genres aus 45 europäischen Ländern vom 23.04. – 28.04 in Linz gezeigt. Dabei wurde insbesondere einer jungen Generation europäischer Filmschaffender nicht nur durch Auswahl der am Wettbewerb teilnehmenden Filme, sondern auch durch die neue Rubrik Cinema Next Europe eine Bühne und eine Vernetzungsplattform gegeben. Eingeladen im Rahmen der neuen Sektion waren zwei Nachwuchsinitiativen – der Kinoklub Zagreb und Breaking Ground aus den Niederlanden. Wieder stark vertreten waren Filmschaffende aus den Balkanländern und der Schwarzmeerregion, die besonders durch ihre mutigen, persönlichen und ungeschönten Perspektiven auf die eigene Lebenswelt überzeugen konnten: der mit 10.000 € höchstdotierte Preis des Festivals für den besten Spielfilm wurde wieder einmal geteilt und kam sogleich zwei herausragenden jungen Talenten zugute. Überzeugen konnten zwei Erstlingswerke. Sowohl Autoportretul unei fete cuminţi der rumänischen Regisseurin Ana Lungu als auch Varvari, eine serbische, montenegrinische und slowenische Ko-Produktion von Regisseur Ivan Ikić, ließen die Jury nicht mehr los: Preisgekrönt wurden zwei sehr unterschiedliche Coming-Of-Age-Geschichten, die die gesellschaftlichen Umbrüche und Generationskonflikte auf ganz persönliche Weise verhandeln, aber auch subtil auf die großen politischen Zusammenhänge verweisen. Beide Filme haben einen autobiografischen Hintergrund und sie arbeiten mit Laiendarstellern, die ihre eigene Lebenswirklichkeit präsentieren sollen. Der mit 1000 € dotierte Publikumspreis für die Sektion Spielfilm ging an Anatol Durbală für Ce Lume Minunată aus Moldawien.

Ce Lume Minunata (Bild: Crossing Europe)
Ce Lume Minunata (Bild: Crossing Europe)

In der Rubrik bester Dokumentarfilm konnte sich Flotel Europa hervortun und bekam den Social Awareness Award. Vladmir Tomic schildert seine eigene Kindheit und Jugend auf dem gleichnamigen Hotelschiff, das während des Jugoslawienkriegs zum Flüchtlingsheim im Kopenhagener Hafen umfunktioniert worden ist. Tomic montiert geschickt Heimvideoaufnahmen zu einem historischen Dokument und verbindet die Collage mit seinen persönlichen Erinnerungen im Voice-Over. Er schildert das Leben auf dem Flotel unverblümt und direkt. Die Langeweile, die Perspektivlosigkeit und die permanente Sehnsucht nach einem neuen Leben oder der Rückkehr in die zurückgelassene Heimat werden an das Schicksal des Erzählers gebunden und geben dem Zuschauer eine Möglichkeit der Einfühlung in eine befremdliche, schwer nachvollziehbare Lage.

Flotel Europa schafft es jüngste europäische Geschichte aufzuarbeiten, verweist thematisch auf die aktuelle Brisanz der Flüchtlingspolitik und zeigt die groteske Simultanität von existenziellen Ängsten und alltäglichen unbekümmerten Leben, die nur wenige hundert Meter durch eine unsichtbare Grenze voneinander getrennt, sind.

Die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Flüchtlinge in Europa werden in einigen Filmen des diesjährigen Programms verhandelt: In Evaporating Borders wird ein Auge auf Zypern, als einer der ersten Anlaufpunkte der Flüchtlingswellen aus dem nahem und mittleren Osten, geworfen. L’Abri schildert den Alltag von Flüchtlingen und Roma in einem Obdachlosenasyl in Lausanne, in dem nicht jeder einen Platz für die Nacht bekommen kann. In Those who feel the fire Burning wandert die Seele eines ertrunkenen alten Flüchtlings an der Südgrenze Europas entlang und beobachtet die gestrandeten Menschen in ihrem Schwebezustand zwischen Flucht und unwillkommener Ankunft an den Mauern der Festung Europa.

Flotel Europa (Bild: Crossing Europe)
Flotel Europa (Bild: Crossing Europe)

Auffallende rubrikübergreifende Schwerpunkte der diesjährigen Filmauswahl waren Künstlerporträts und die Beschäftigung mit alternativen Lebensmodellen. In der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsweisen von Künstlern sind packende Dokumentar- und Spielfilme entstanden. In der Rubrik Local Artists war Barbara Windters Film Auf der Suche nach Isolde zu sehen. Der Film dokumentiert die Suche nach der Linzer Tanzpionierin Isolde Klietmann von Linz über Wien bis nach Argentinien. Dabei entsteht eine unterhaltsame Tanz-Roadmovie-Dokumentation. Momumenti zeigt den 60-jährigen Künstler Ladi Metani, der aus alten Bronzestatuen der kommunistischen Diktatur nun seine eigene Kunst schafft. Ein künstlerischer Ausdruck wird zur Parabel für die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen in Albanien. Des Weiteren war in der Rubrik Local Artists das Porträt des österreichischen Ausnahmemusikers schlechthin zusehen: Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang. Im Panorama kamen Helge Schneider Fans auf ihre Kosten und konnten sich von der Vielschichtigkeit seines Talents überzeugen. Mülheim Texas –Helge hier und dort. zeigt den Künstler in seinem vielseitigen Schaffen zwischen Kabarett und Jazz. Auch im Panorama verkörpert Rapperin KT Gorique Brooklyn, eine junge Schweizerin, die in einem Pariser Vorort Fuß zu fassen versucht und von einer Musikkarriere träumt. KT Gorique lässt ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen und überzeugt durch ein starkes Spiel, unglaubliche Wortgewandtheit und Rhythmusgefühl. Als Überraschungsfilm der Rubrik Nachtsicht war Realité, der neue Film von Quentin Dupieux, der mit dem Trashfilm Rubber auf sich aufmerksam macht, zu sehen. Realité ist ein Metafilm, der das eigene Schaffen des Regisseurs persifliert und gleichzeitig eine unterhaltsame Hommage an die Absurditäten der Filmbranche darstellt.

Im Dokumentarfilmwettbewerb lief Perekrestok. Der Film porträtiert den Alltag des obdachlosen Malers Valery Liashkevish, der bei gutem Wetter seine Bilder in Freilichtausstellungen zum Verkauf anbietet. Liashkevish gibt Einblicke in seine Lebensphilosophie und in sein unbeugsames Verlangen Kunst zu schaffen.

Perekrestok (Bild: Crossing Europe)
Perekrestok (Bild: Crossing Europe)

Wie sollen wir leben? Dieser Frage begegnen Filmschaffende auf unterschiedliche Weisen und geben alternativen Lebensentwürfen ein Gesicht.  Hide & Seek zeigt vier junge Stadtmenschen am Ende der verlängerten Adoleszenz, die ein neues Lebensmodell erproben wollen. Isoliert auf dem Land fernab des Londoner Trubels ziehen sie sich zurück und versuchen sich in der Polyamorie und Suchen nach ihren tiefsten Sehnsüchten. Der Film hat viele inhaltliche Lücken und schwebt in allegorischen Unklarheiten, sodass viele Fragen offen bleiben. Stále Spolu dokumentiert das Leben einer 11-köpfigen Aussteigerfamilie ohne Strom und Warmwasser. Eine patriarchale Ordnung wird durch Angriffe auf die kapitalistische Gesellschaft aufrechterhalten. Vie Sauvauge nimmt seinen Ausgangspunkt im seminomadischen Leben einer fünfköpfigen Familie. Die Mutter hält es nicht mehr aus, will zu einem konventionellen Leben zurückkehren und flieht mit den Kindern aus dem Aussteigerleben. Doch der Vater gibt nicht auf und begibt sich mit zweien seiner drei Söhne auf eine jahrelange Flucht vor den staatlichen Institutionen. Es treibt sie in einen rechtsfreien Raum zwischen Wildnis und Kommunen. Am Ende müssen sich Vater und Söhne der Frage nach dem Zweck und Wert einer Jugend auf der Flucht stellen. Im Dokumentarfilm Von hier aus zeigen die Regisseurinnen Johanna Kirsch und Katharina Lampert drei konkrete Beispiele eines Lebens abseits des Kapitalismus. Der Alltag und die Beweggründe der Aussteiger werden einfühlsam geschildert.

Ergänzt wurde das vielseitige Filmprogramm durch Vernetzungstreffen für Filmschaffende, Talks und Diskussionen. Am Abend lockten Konzerte und DJs zum lustvollen Tanz. Insbesondere junge österreichische Bands mit einem Sound zwischen den Genres, aber immer mit einem Hauch Techno bildeten eine Kontinuität zu den modischen Synthie-Scores und Soundtracks vieler der gezeigten Filme.

Das Crossing Europe Filmfestival überzeugt durch seine Intimität und seinen jugendlichen Charme. Es fördert insbesondere junge, oberösterreichische Filmschaffende durch eine Vielzahl von Preisen und ist den unkonventionellen, rohen und jungen Talenten Europas verschrieben.

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