Siebzehn – Im Schrank ist gar keiner mehr drinnen

Mit 17 schaut die Welt noch anders aus. Schule, Freunde und Liebeleien regieren den Alltag. Monja Arts Debütfilm begleitet eine Gruppe Jugendlicher, die gerade dabei sind, ihre ersten sexuellen Erfahrungen zu machen.

Lanzenkirchen, Niederösterreich: Paula (Elisabeth Wabitsch) besucht die siebte Klasse eines internatsmäßigen Gymnasiums. Und sie ist in ihre Mitschülerin Charlotte (Anaelle Dézsy) verliebt. Ob diese Paula auch mag, kann sie nicht wirklich feststellen. Immerhin ist Charlotte auch noch mit ihrem Freund Michael (Leo Plankensteiner) zusammen. Und dann ist da noch die etwas zickige Lilli (Alexandra Schmidt), die mit Ronald (Bogdan Hrnjak) zusammen ist, aber doch auch beginnt, irgendwie Interesse an Paula zu zeigen. Wie auch einige andere Jungs aus der Klasse, zB der nerdige Tim (Alexander Wychodil). Zum Glück kann sich Paula immer auf die Filmabende mit ihren besten Freunden Kathrin (Vanessa Ozinger) und Marvin (Daniel Prem) verlassen. So ist halt das Leben mit siebzehn…

Sexuelle Orientierung im 21. Jahrhundert

Das Besondere an „Siebzehn“ ist, dass die sexuelle Orientierung der Jugendlichen keinen Streitpunkt unter den Heranwachsenden darstellt. Es ist kein Coming-out-of-the-closet-Film, bei dem Homosexualität ein Problem für gewisse Figuren darstellt. Nein, die Jugendlichen und Erwachsenen sind allesamt d’accord mit den verschiedenen Sexualitäten ihrer Mitmenschen. Der metaphorische Schrank war nie geschlossen, sondern stets geöffnet. Und es muss da auch keiner mehr rauskommen. Daher kann sich der Film auch mit der eigentlichen Thematik befassen: der Frage, ob es im Leben mehr um Liebe oder um Leidenschaft geht. Und ob Jugendliche das überhaupt schon ergreifen können. Eine Antwort darauf sollte man aber nicht erwarten, Art lässt sehr vieles – eigentlich alles – ziemlich offen.

Der Film folgt nicht unbedingt einer dramaturgisch strukturierten Handlung. Vielmehr erlebt man einfach nur den Alltag der Figuren. Das ist aber auch nie langweilig, weil die Figuren so lebensecht und faszinierend geschrieben und dargestellt sind, dass man sie gerne beobachtet. Das ist auch eine große Stärke des Filmes. Man fühlt mit den Figuren mit. Das Drehbuch hat den Schauspielern teilweise auch Freiraum zum Improvisieren gelassen.

Zu Beginn des Filmes wirken manche Dialoge noch etwas hölzern, aber das renkt sich bald ein. Zum Großteil des Filmes sind sie jedenfalls sehr natürlich. Und hier sollte man auch die Nebendarstellerin Vanessa Ozinger lobend erwähnen: Denn während Elisabeth Wabitschs und Anaelle Dézsys exzellente Performances als Paula und Charlotte vor allem durch ihre Mimiken und Blicke überzeugen, hat Ozinger einen Haufen Text zu sagen, und meistert das (abgesehen vom Beginn des Filmes) bravourös.

Und auch Alexandra Schmidt spielt nicht einfach nur eine typische Zicke, die als Antagonistin angesehen werden kann, sondern eine vielschichtige Figur, die selbst mit genügend eigenen Komplexen und Problemen herumzukämpfen hat. Die typischen Rollenklischees derartiger Filme werden somit aufgebrochen.

Dramaturgie einer TV-Serie

Gerade diese bereits erwähnte „Handlungslosigkeit“ ist es, die dem Film die Ästhetik einer Fernsehserie verleihen. In diesem Fall wird eine Staffel über „ein Schuljahr“ (es sind ja nur ein paar Wochen), als Film zusammengefasst. Jede der Figuren erlebt ihre eigenen kleinen Abenteuer, und am Ende kommt alles bei der obligatorischen großen Party zusammen. Mehr oder weniger zumindest. Doch gerade, als man meint, dass große „Staffelfinale“ sei da, und alles könnte seinen positiven Abschluss finden, da geht es erst richtig los, und der Film präsentiert einen letzten Akt, der die Wogen und die Liebesmühen überschnappen und eskalieren lässt.

Was man am Film aber kritisieren könnte, ist, dass man schon ein wenig braucht, um die Figuren zu kennen und unterscheiden zu können. Da sich die Jugendlichen alle sehr ähnlich sehen, vor allem beim männliche Cast, ist man als Zuschauer grad in der ersten Hälfte etwas orientierungslos, und verwechselt oft die Figuren. Ich hab lang gebraucht, bis ich begriffen habe, dass Tim gar nicht Paulas bester Freund, sondern ein anderer Mitschüler ist, oder auch, dass nicht Ronald, sondern Mesut (Musa Ramadanoski) Paula über Kathrin ausgefragt hat.

Zum außerordentlich starken Cast der Jugendlichen stoßen auch ein paar Schauspielveteranen hinzu: Reinhard Nowak liefert mit seinem kurzen Auftritt als extrem-depressiven Vater eine der besten schauspielerischen Leistungen seiner Karriere ab. Und Martina Poel gelingt es mit einem einzigen angedeuteten Mundwinkel-Lächeln sehr viel über ihre Figur und die Szene auszusagen. Sehr viel Humor bringt auch Christopher Schärf als viel zu junger, durchsetzungsunfähiger Französischlehrer Tangler. Nicht nur hält er die wohl kürzeste Unterrichtsstunde der Filmgeschichte, vielleicht, aber vielleicht auch nicht könnte er ebenfalls Interesse an Paula haben.

Mit jeder Menge Spaß durch den Subtext

Der Film macht ordentlich Spaß und ist irrsinnig witzig. Das Kino hat oftmals über diverse Aussagen und Situationen herzhaft lachen können. Auch ein eigentlicher Outtake hat es als Situationskomik in den Film geschafft (Stichwort Kopf gegen Säule). Gleichzeitig bleibt er immer seiner Ernsthaftigkeit treu und verfällt nie ins Lächerliche. Ebenfalls kann man sich oft in den Figuren wiedererkennen, und erinnert sich an seine eigene Schulzeit zurück. Wie gesagt, der Film ist nah an der Realität. Da kommen schon mal diverse Erinnerungen hoch, wie man sich damals selber so verhalten hat.

Die Kameraführung und Bildsprache ist ein Mix verschiedener Stile: Einerseits bleibt die Kamera auf den Bildausschnitt, und nicht die Figuren, gerichtet. Das heißt, dass Dinge oft außerhalb des Bildes passieren, die dann höchstens peripher vom Zuschauer mitbekommen werden. Eine Metapher über das Leben an sich, da auch dort Dinge außerhalb des eigentlichen Fokus passieren. Auch eine nahe Handkamera wird verwendet, vor allem, um mit den Darstellern auf einer intimeren Ebene (hier eindeutig doppeldeutig gebraucht) zu kommunizieren. Auf jeden Fall ist die Kameraführung abwechslungsreich.

Zusätzlich dazu gibt es in vielen Einstellungen einiges mehr zu entdecken. Der (visuelle) Subtext quillt in dem Fall fast schon über, und strotzt nur so vor Interpretationsmöglichkeiten. Das bietet sich hervorragend für mehrmaliges Schauen an.

Verdikt: Willst Du mit mir gehen? Ja [X] Nein [  ]

Siebzehn“ ist ein realitätsnaher, zeitgenössischer Jugendfilm um die ersten sexuellen Erfahrungen und Orientierungen. Das Leben und der soziale Umgang der Landjugendbevölkerung werden gut eingefangen. Vor allem die Jungschauspieler überzeugen, und spielen hervorragend.

Alles in allem ist es ein gelungener, nein großartiger Film, den ich nur jedem ans Herz legen will, der verschiedene Kamerastile, bedeutungsschwangere Bilder, Coming-of-Age-Geschichten, und oder klischeebefreite Handlungen über sexuelle Orientierungen mag. Diesen Film sollte man keineswegs verpassen.

Siebzehn

Aut, 2017
Orbrock-Film
R + B: Monja Art
D: Elisabeth Wabitsch, Anaelle Dézsy, Alexandra Schmidt, Vanessa Ozinger, Christopher Schärf u.a.
L: 104 min
FSK: ab 14 Jahren
ET: 28.4.2017

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