Baby Driver: The Fast and the Tinnitus


Ein gut geschnittener Trailer kann täuschen und enttäuschen, wenn der Film dahinter nicht hält, was die wohl überlegte Vorschau verspricht. Umso dankbarer ist es, wenn der Film dann doch so großartig ist, wie man gehofft, aber sicherlich nicht erwartet hat. Baby Driver ist ein epischer Mix aus Action-Heist Movie, Musical und 50er – Romanze.

So unnatürlich sich diese Beschreibung anhört, so harmonisch fügt sie sich unter der Feder von Edgar Wright zusammen. Baby ist ein blutjunger Fluchtwagenfahrer, der seine Schuld begleichen muss. Um seinen Tinnitus auszublenden, taktet er sein ganzes Leben nach Musik – und wir sprechen hier von einer wohl überlegten und perfekt platzierten Soundtrackauswahl. Alles ist auf Babys Songs abgestimmt. Er will aus dem kriminellen Geschäft aussteigen, doch seine neue Liebe zur Kellnerin Debora (Lily James) wird bedroht und daher muss er noch einen letzten Job machen, bevor er alles hinter sich lassen kann. Aber das läuft natürlich alles nicht so ab, wie er sich das vorstellt.

Der Soundtrack spielt, neben Ansel Elgort (Baby), eindeutig die Hauptrolle. Nicht nur die Schnitte, sondern die Autofahrten, Schießereien, Fluchten oder das morgendliche Kaffeeholen sind auf die Songs in Babys iPods abgestimmt. Ein bisschen kenne ich das von mir – wenn ich eine Strecke gehen möchte und dabei einen bestimmten Song hören will, dann starte ich ihn neu, sonst ist er zu früh vorbei. Auch das ist Teil des Films, wenn die Planung eines Überfalls mal nicht auf die Sekunde genau abläuft. Wright erzählt in einem Interview, dass das Erste, was er vom Film hatte, der Soundtrack für eine Verfolgungsjagd war. Ist es ein bisschen wahnsinnig, darauf einen ganzen Film aufzubauen? Sicherlich! Ist es zu simpel? Aber sicherlich nicht! Eher bin ich nach Scott Pilgrim (der besten Comic Verfilmung OF ALL TIME, PERIOD!!) und der Cornetto-Trilogie noch ein bisschen mehr verliebt in Edgar Wright, denn man merkt, wie sehr er Film liebt.

Wir werden in Babys Welt gezogen und dort ist es eigentlich ganz schön. Man möchte sofort den alten iPod herauskramen und gucken, was da eigentlich noch so drauf ist. Die zarte Liebe mit der Kellnerin Debora sieht aus, als wäre sie aus einem 50er Kitch-Musical gefallen, aber diese zuckersüße Rosabrille lässt während der ganzen Action und dem Chaos immer an das Gute glauben. Das muss man auch erst einmal schaffen. Musical und Actionfilm fallen außerhalb von Bollywood nicht unbedingt natürlich aufeinander, weswegen es umso erstaunlicher ist, in welcher unkomplizierten Art und Weise Wright diese beiden Elemente zusammenbringt.

Die Verfolgungsfahrten sind perfekt geplant und wirken authentisch – das sieht man überraschenderweise selten. Wo viele mit schnellen Schnitten um sich werfen, muss sich Wrigth nicht davor verstecken, dass die Hälfte fake ist – denn hier haben die Stuntfahrer wirklich alles gegeben, um auch schwierige Manöver ohne CGI auf die Leinwand zu bringen. Das macht sich bezahlt, und auch hier muss man sagen: Zu diesem Soundtrack wird jede Fluchtfahrt zum Kunststück.

Schauspieler Ansel Elgort weiß schon selbst, dass er eh ganz cool ist (berühmter Papa, Teenie-Musiker, Insurgent-Schauspieler). Das merkt man ihm auch an, zugegeben. Aber dem Film tut das nur gut, genauso wie die komplett wahnsinnigen und überzogenen Performances von John Hamm und Jamie Foxx. Großartige Schauspieler, die genau das machen, was man von ihnen erwartet. Gerade vor Jamie Fox hatte ich zwischendurch Angst – er bekommt das mit dem Psychopathen ganz gut hin. Das braucht der Film ebenso, wie den sonderbar bestimmenden und entschleunigten Auftritt von Kevin Spacey und Lily James, die in ihrer Präsenz und Leistung dem Rest des Casts aber in nichts nachstehen, sonder vielmehr eine gewisse Ernsthaftigkeit in die Geschichte bringen, die uns wirkliche Sorge um das Wohl unseres Protagonisten verspüren lässt.

Obwohl das letzte Drittel des Filmes vielleicht nicht mehr so stark ist, wie die ersten beiden, kann mich der Film durch und durch in seinen Bann ziehen. Edgar Wright ist einfach ein Garant für gutes Kino. Baby Driver ist wieder einmal eine Masterclass in Schnitt und Soundediting. Jeder Song, jede Einstellung, ist mit so viel Liebe zum Detail versehen, dass ich mich zwar durchaus ihrer Künstlichkeit bewusst bin, aber nicht anders kann, als für dieses Maß an Leidenschaft meine größte Verehrung auszusprechen. Der Film bleibt bis zur letzten Sekunde spannend und einer der besten Filme, die ich jemals gesehen habe. Und das ist eine Aussage, die wohlüberlegt ist.

Baby Driver
Regie: Edgar Wright
Buch: Edgar Wright
Cast: Ansel Elgort, Lily James, Kevin Spacey, John Hamm, Jamie Fox
Start: 27.06.2017

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